Mirna Kjorveziroska, M.A.

Anschrift:
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Graduiertenkolleg 1876
Hegelstr. 59
55122 Mainz

E-Mail: mkjorvez@uni-mainz.de

Projekttitel: Zelten - jagen - orientieren. Kulturpraktiken in der Natur im Roman um 1300.

Betreuer: Jun.-Prof. Dr. Claudia Lauer, Prof. Dr. Marion Gindhart

Dissertationsvorhaben:

Ein Mann verkriecht sich aus Liebeskummer in einen hohlen Eichbaum und ernährt sich fortan nur von Gras und Laub. Ein jagender Greis bezähmt ein wildes Tier, indem er ihm ein Schriftstück auf den Kopf legt. Ein Heer schlägt so viele bunte Zelte auf, dass die Bewohner der belagerten Stadt das Schlachtfeld mit einer Mailandschaft verwechseln. Ein Ritter findet auf der Jagd den Weg zu seiner künftigen Ehefrau, während er den Spuren einer Hirschkuh folgt.

Die Figuren der mittelhochdeutschen Romane agieren nicht nur in repräsentativen Festsälen und intimen Kemenaten, sondern viele Handlungen können auch außerhalb einer Burg stattfinden und den räumlichen Index der Landschaft tragen. Dabei sind verschiedene Plausibilisierungsangebote verfügbar, warum der Mensch sich in der Natur aufhält, und bei der Aktualisierung eines solchen Szenarios werden oft die existentiellen Aspekte dieses Aufenthaltes expliziert – wie der Mensch eine Landschaftskonfiguration umgestaltet, um Unterkunft und Nahrung zu organisieren. Am Paradigma der Installierung von Behausungen (Zelt, Hütte, Klause, Baumhöhle) und der alimentären Akte in der Natur (Identifizierung von essbaren Kräutern, Jagd, Zubereitungsschritte, Verzehr) soll die Dissertation beschreiben, wie sich diese Kulturpraktiken im Roman um 1300 narrativieren lassen und welche Semantiken sie in die Natur transplantieren, aber auch, wie ihr primärer, physiologischer Bezug zum Schlafen und Essen bisweilen umkodiert wird, sodass sie in den Dienst der Repräsentation und Selbstinszenierung der Protagonisten treten. Im Fall der menschlichen Unterkünfte werden Binarismen wie mobil–stabil, permeabel–fest, temporär–permanent, männlich–weiblich als Beschreibungskategorien herangezogen, um die dadurch bewirkten Modifikationen der Landschaft als punktuell, iterativ, dauerhaft, reversibel, irreversibel, genderspezifisch oder genderindifferent näher zu bestimmen. Die Strategien zur Nahrungssuche, die Jagdtechniken und der Umgang mit der Jagdbeute sind ihrerseits auf die Ordnungsmuster und ästhetischen Modelle hin zu befragen, die ihnen zugrunde liegen.

Der Natur soll jedoch nicht nur eine passive Rolle zugeschrieben werden, was das Stichwort ‚orientieren‘ als drittes thematisches Gravitationszentrum der Arbeit signalisiert: Sie kann eine Kulturpraktik begünstigen, indem sie etwa die Spuren der Tiere speichert und Hinweise kommuniziert, wo Nahrung zu finden ist, aber auch eine Kulturpraktik unterlaufen, wenn beispielsweise Wind oder Regen die menschliche Unterkunft beschädigen und den Menschen provozieren, sich woandershin zu begeben. Des Weiteren exponieren auch Sternenbotschaften die Potenz der Natur, menschliche Handlungen zu diktieren. Diese Perspektive kann also zeigen, wie sich eine Interaktion zwischen Mensch und Natur entspinnt, und die Frage beantworten, welche Signatur ihre Relation trägt – ob die Natur als Assistenzinstanz oder als Rivale des Menschen inszeniert wird.

Allerdings muss der Skopus von 'Natur' als Einschreibefläche für die interessierenden Kulturpraktiken bzw. als Dialogpartner erst an den Texten definiert werden: Welche Entität wird damit referentialisiert, ist die Natur nur als Bündel von negativen Bestimmungen wie Nicht-Hof, Nicht-Mensch, Nicht-Ritter greifbar? Ist 'Natur' die feststehende Gesamtwelt der Geschöpfe oder nur ein beliebiges Segment, das je nach Situation und Figur variabel ist? Wie werden die Interferenzen zwischen Rhetorik, christlicher Exegese und Mimesis ausgetragen – präsentiert sich die Natur stets als eine Kombination altbekannter Topoi oder kann sie auch mimetisch abgebildet werden? Ein Naturbegriff wird also nicht vorausgesetzt, sondern soll im Laufe der Untersuchung in allen seinen fiktionalen Nuancierungen im mittelhochdeutschen Roman um 1300 sukzessive mit eruiert werden.