Aleksandar Milenković, M.A.

Anschrift:
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Graduiertenkolleg 1876
Hegelstr. 59
55122 Mainz

E-Mail: almilenk@uni-mainz.de

Projekttitel: Konzepte der visuellen Wahrnehmung im griechischen wissenschaftlichen Denken vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr.

Betreuer: Prof. Dr. Jochen Althoff, Prof. Dr. Tanja Pommerening

Dissertationsvorhaben:

Durch seine Sinne hat der Mensch immer versucht, seinen Durst nach dem Verstehen der Natur, die ihn umgibt, zu stillen. Die visuelle Wahrnehmung wird seit langem als ein dominanter Sinn empfunden und als solcher war sie ein verbreitetes Thema bei früheren griechischen Denkern. Für dieses Interesse zeugen sowohl philosophische als auch medizinische Schriften seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. Beide Quellengruppen sind für die frühgriechischen Konzepte des Sehvorgangs und des Sehsinns in gleicher Weise relevant. Philosophische Quellen bieten Theorien über die Funktionen des menschlichen Körpers, während die medizinischen Texte Leiden und dadurch verursachte Konsequenzen beschreiben, die diese Funktionen verhindern.

Genau diese Theorien bilden das Hauptthema meiner gegenwärtigen Studie. Es sollen möglichst vollständig alle Textzeugnisse untersucht werden, die sich auf das Auge beziehen, wobei die Funktionen und der Gesamtprozess der visuellen Wahrnehmung im Mittelpunkt steht. Nach dem Sammeln des Quellenmaterials soll eine Auswertung anhand von drei Hauptfragen durchgeführt werden: Wie haben die Philosophen und die Ärzte den Prozess des Sehens verstanden, wie wurde der Aufbau des visuellen Organs (in Abhängigkeit davon) beschrieben und wie wurde das Wahrnehmen der Farben von ihnen interpretiert?

Zudem wird ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Studie die Form des wissenschaftlichen Schreibens sein. Überwiegend wird die Korrelation zwischen Autor und Leserschaft erforscht. Wurden die oben genannten Texte von einer Gruppe oder einem Individuum geschrieben? Wer war die Zielgruppe – wurde für Laien oder für Experten geschrieben? Diese Fragen können mit Mitteln der sprachlichen und rhetorischen Analyse beantwortet werden. Dadurch wird ersichtlich, welche Argumentationsstrategien verwendet wurden, um gewisse Ideen zu übermitteln, und wie diese Übermittlung an bestimmte literarische Formen gekoppelt ist.

Antworten auf diese Fragen können in unterschiedlichen philosophischen und medizinischen Quellen vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. gefunden werden. Diese Periode beinhaltet zwei wichtige Epochen in der Geschichte der Wissenschaft – die Vorsokratische Philosophie und die medizinische Literatur des römischen Arztes Galenos. Um einen breiteren Einblick zu gewinnen, soll auch eine lexikalische Analyse anderer Epochen und literarischer Genres durchgeführt werden. Diese Quellen werden diachronisch und kontextuell mit Blick auf die erwähnten Hauptfragen analysiert.

Das Ziel dieser Studie ist es, eine umfassende Untersuchung der visuellen Wahrnehmungstheorien innerhalb des jeweiligen wissenschaftlichen Diskurses zu bieten, wobei verschiedene Standpunkte aus mehreren Jahrhunderten und die Korrelationen zu anderen Kulturen berücksichtigt werden, soweit dies möglich ist.