C) Konzepte von Flora, Fauna und Naturraum

Jede menschliche Gemeinschaft ist in unterschiedlicher Weise von der Interaktion zwischen Mensch und natürlicher Umgebung geprägt. Dabei spielt einerseits die ohne menschliches Zutun existierende Natur eine Rolle, die oft als ein Gegenpol zur Sphäre der menschlichen Kultur vorgestellt wird. Andererseits interagiert der Mensch auch mit der Natur, wenn er z. B. Pflanzen und Tiere zur Nahrungs- oder Rohstoffgewinnung heranzieht oder Tiere als Arbeitskräfte nutzt. Der Forschungsschwerpunkt geht dabei den in beiden Fällen relevanten Konzepten nach und fragt nach deren Veränderung durch Reflexion und mediale Brechung sowie nach Vorgängen der Neukonzeptualisierung und wann wir diese zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte fassen können.

Konzepte von Flora, Fauna und natürlicher Umgebung zeigen sich bereits eingängig auf der Wortebene (Benennungsmotivationen) und in Klassifikationssystemen. Was wird warum wie benannt, was voneinander abgegrenzt, welche Gruppierungen werden vorgenommen? Letzteres lässt sich nicht nur anhand von Schriftquellen, sondern auch im erhaltenen Bildmaterial untersuchen. Einzelne Arten von Pflanzen, Tieren und räumlichen Umgebungen können dabei als spezifisches Charakteristikum bestimmter Regionen wahrgenommen worden sein. Konzepte von Natur sind aber z. B. auch dort fassbar, wo die vom Menschen geschaffene Kultur und die als wild und chaotisch empfundene Natur aufeinandertreffen. Dabei stellt sich die zentrale Frage, ob der Mensch sich als ein (durchaus mit Mängeln behafteter) Teil der Natur versteht oder als ein außerhalb der Natur stehendes besonderes Wesen. Sowohl in fiktiven Erzählungen von umherziehenden Helden als auch in Briefen und anderen Alltagstexten ist die Sorge vor den in der Natur drohenden Gefahren bemerkbar, die sich auch in bildlichen Darstellungen fassen lässt. In vielen Kulturen sind dabei Idealbilder von Flora, Fauna und natürlicher Umgebung entwickelt worden, die symbolisch gelesen und als gegeben und nicht mehr hinterfragbar vorausgesetzt werden und den tatsächlichen Naturbeobachtungen widersprechen. Fragen nach der Entstehung dieser Konzepte, nach der Rolle, die die mediale Vermittlung von Naturerfahrungen und -bildern dabei gespielt hat, und nach der Rückwirkung der Naturbilder und -reflexionen auf die Wahrnehmung von Natur und Mensch spielen in verschiedenen Disziplinen in diesem Forschungsschwerpunkt eine Rolle.

Konzepte einer Natur, die in Interaktion mit dem Menschen steht, lassen sich v. a. aus den – vielerorts ähnlichen – Techniken ablesen, die entwickelt wurden, um Flora, Fauna und natürliche Umgebung zu nutzen, zu verstehen und zu beherrschen. Dies betrifft den Umgang mit der heimischen natürlichen Umgebung, die klassifiziert, beschrieben und erklärt, aber auch für andere Kontexte nutzbar gemacht wurde, z. B. zur Darstellung und Interpretation gesellschaftlicher oder zwischenmenschlicher Phänomene oder als Quelle für literarische oder bildkünstlerische Symbole. Darüber hinaus werden Konzepte auf der Ebene des Umgangs mit nicht-heimischer Flora und Fauna sichtbar. Solch ein Umgang lässt sich archäologisch seit dem Neolithikum kontinuierlich nachweisen. Die Gründe für die punktuelle oder dauerhafte Einführung fremder Tiere und Pflanzen waren, soweit sich das aus Schrift- und Bildquellen erschließen lässt, mannigfaltig und reichten vom praktischen Nutzen für Landwirtschaft, Fortbewegung oder Heilkunst bis zu ideologisch-propagandistischen Motivationen, die sich beispielsweise in der programmatischen Zurschaustellung exotischer Pflanzen und Tiere zeigt. Die Analyse der medialen und gattungsabhängigen Repräsentationen erlaubt es hier, grundlegende Konzepte des Fremden bzw. des Exotischen zu erschließen. Da der Bereich der Fauna im Graduiertenkolleg bereits im Rahmen einiger Dissertationsprojekte bearbeitet wurde, interessiert sich der Forschungsschwerpunkt besonders für Untersuchungen, die ihr Augenmerk auf die Flora und den Naturraum richten, der den Menschen in biologischer und elementarer Weise räumlich umgibt.

Archäologische Forschungen sichern das Wissen um den tatsächlichen Bestand, die Verbreitung und die Gestalt von Flora, Fauna und natürlicher Umgebung. Kooperationspartner/innen aus den naturwissenschaftlichen Disziplinen (vgl. Mentoring-Programm) stehen bei Fragen zur Umweltrekonstruktion, zu spezifischem methodischem Hintergrundwissen sowie zu einschlägigen naturwissenschaftlichen und landschaftsarchäologischen Forschungen unterstützend zur Seite.


abgeschlossene Dissertationsprojekte:


laufende Dissertationsprojekte:


weitere mögliche Dissertationsprojekte (Auswahl):

  • Zum Verhältnis von Naturbild und Text und der Frage nach prototypischen Elementen in Naturdarstellungen des Alten Reichs (Ägyptologie)
  • Steppe und Garten (Altorientalische Philologie)
  • Der Mensch lebt nicht vom Fleisch allein. Soziale Aspekte der Jagd in der Altsteinzeit (Vor- und Frühgeschichte)
  • Konstruierte Natur: Selektion, Kombination, Darstellungsform und Bedeutung von Flora in der Römischen Wandmalerei (Klassische Archäologie)
  • Exotische Naturräume und liminale Naturerfahrung im Alexanderroman (Latinistik)
  • Der „byzantinische“ Wald (Byzantinistik)
  • Bildwandel und Bildwechsel. Verschiebungen in der Pflanzensymbolik volkssprachlicher Texte (Germanistische Mediävistik)