Dr. Andrea Babbi

E-Mail: ababbi@uni-mainz.de

Projekttitel: "Perception of humans and the Mediterranean Sea through the archaeological record and the written sources (early first Millennium BC): Theoretical reflections about the shaping, internalization, and dissemination of concepts"

Projekt:

Die Analyse früher Darstellungen von Mensch und Natur sowie ihre Konzeptualisierung stellt eine echte Herausforderung dar, wenn es „kulturelle“ und chronologische Horizonte betrifft, die in philologischen Quellen fast völlig fehlen. Dies ist der Fall für die reichen und vielfältigen archäologischen Funde aus den Regionen Tyrrhenien und Ägäis, die auf die frühe Eisenzeit und den Anfang der Orientalisierenden Periode (um 925-680 v. Chr.) zurückgehen.

Den semiotischen Studien zufolge können die Funde und ihre unterschiedlichen Merkmale jedoch als „Morpheme“ einer unausgesprochenen und ungeschriebenen „Sprache“ betrachtet werden. Durch die Interaktion miteinander und das Zusammenspiel mit dem sie umgebenden archäologischen Kontext bilden diese Morpheme abwechslungsreiche und artikulierte „Sätze“. Solche Sätze vermittelten Konzepte und Werte, die für die Mitglieder der damaligen Gesellschaft leicht zu verstehen waren, da sie an den entweder heiligen oder weltlichen Tätigkeiten täglich teil hatten, durch die Konzepte und Werte (d. h. die Realität), dargestellt und kommuniziert wurden. Darüber hinaus garantieren solche Sätze aufgrund ihrer Körperlichkeit eine dauerhafte Fixierung des vorübergehenden konzeptuellen Rahmens der menschlichen Existenz, die selbst Realität ist. Im Anschluss an die oben genannten Überlegungen werden die drei folgenden Forschungsthemen berücksichtigt.

THEMA A: Wahrnehmung des Körpers anhand der Behandlung der Leiche im altertümlichen Italien

In der Antike war der Leichnam das mächtigste und einzigartigste Symbol eines Menschen nach seinem Tod, das ermöglichte, Erinnerungen wiederzugewinnen, die als Gesamtheit von Bedeutungen (Werte, Ereignisse, Gefühle, Erinnerungen) empfunden wurden. Der unaufhaltsame Verfall der Leiche war mit dem Kapitalrisiko eines tödlichen Verlusts dieses bedeutungsvollen Aggregats verbunden, das das existenzielle Gleichgewicht der Überlebenden gefährdete. Nach diesen Überlegungen unternahmen die Überlebenden gewisse repräsentative Strategien und rituelle Praktiken, die eine neue ausgewogene Beziehung zum Verstorbenen ermöglichten. Die menschlichen Überreste könnten verehrt werden, um „das Vorhandensein einer Abwesenheit zu vollbringen“ (H. Belting, Image, medium, body: a new approach to iconology. Critical Inquiry 31, 2, 2005, 302-319) und auf diese Weise wurden die genannten Aggregate (die Überlebenden) vor der Vergessenheit bewahrt, was es ihnen wiederum ermöglichte, immer noch zu behaupten: „Ich war, ich bin, ich werde sein“.

ZIEL: die Gründe für die verschiedenen Bestattungspraktiken und -verfahren zu erkunden und zu versuchen, die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Körpers durch die menschlichen Überreste und deren Wechselwirkung mit der Realität im mittel-tyrrhenischen Bezirk der italienischen Halbinsel zu untersuchen.

THEMA B: Wahrnehmung des Körpers anhand anthropomorpher Figuren im altertümlichen Italien und auf Kreta

Zwischen dem Ende der Bronzezeit und der Eisenzeit gedieh und verbreitete sich die Verwendung menschlicher Figuren sowohl auf der italienischen Halbinsel als auch auf Kreta. Die Typologien und Merkmale der Figuren variieren in diesen Zusammenhängen erheblich, und aus ihrer Analyse ergibt sich ein recht facettenreiches Bild. Diese Beweise wurden nie im Hinblick auf das Ziel in Betracht gezogen, über die Wahrnehmung des Körpers nachzudenken. Dabei werden nicht nur die objektiven Merkmale und spezifischen Details sowie der archäologische Kontext berücksichtigt, sondern es wird auch ein kognitiver Ansatz verfolgt. Schließlich werden Überlegungen aus anthropologischen Studien, auf psychologischem Gebiet erarbeiteten Intuitionen und neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften getestet, um zu versuchen, die Figuren aus ungewöhnlichen Perspektiven zu betrachten.

ZIEL: wiederkehrende ikonologische Elemente herauszuarbeiten, die sowohl die Wahrnehmung der Figuren (d.h. die Art und Weise, wie sie gehandhabt wurden) als auch die wechselseitige Verflechtung zwischen objektiver Realität und metaphorischen Realitäten beleuchten könnten (d.h. warum die Figuren in ihrer Gestalt waren und wie die Figuren ihrerseits zur Gestaltung der Realität beigetragen haben).

THEMA C: Wahrnehmung des Mittelmeers und seiner Inseln in schriftlichen und archäologischen Quellen

Bei der Annäherung an die Wahrnehmung des Mittelmeers und seiner Inseln durch das von den schriftlichen Quellen zur Verfügung gestellte Prisma für die in diesem Projekt berücksichtigte Zeitspanne ergibt sich eine Art Dichotomie. Sowohl das Meer als auch die Inseln können einerseits als eine Art Inbegriff des Jenseits wahrgenommen werden, andererseits könnten sie ein Netzwerk von langlebigen Wasserwegen darstellen, die menschliche und räumliche Knotenpunkte verbinden – so die Netzwerktheorie. Um diese Polarisierung zu erklären, werden die verschiedenen Textstücke aus den schriftlichen Quellen untersucht und mit den materiellen Beweisen abgeglichen, die von den Gemeinden überliefert wurden, die sich „wie Ameisen oder Frösche um einen Teich herum“ angesiedelt hatten (Plato Phaedo 109b).

ZIEL: über den simplen Gegensatz zwischen den oben genannten kontrastierenden Interpretationen der Meereslandschaften hinauszugehen und zu versuchen – dank der archäologischen Quellen – eine polyedrischere Wahrnehmung des Mittelmeers und seiner Inseln zu unterstützen.