Christoph Appel

Anschrift:

Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Graduiertenkolleg 1876
Hegelstr. 59
55122 Mainz

E-Mail: chappel@uni-mainz.de

Projekttitel: An den Rändern der Wunde. Griechisch-römische Figurationen von Versehrtheit zwischen medizinischem und literarästhetischem Diskurs

Betreuer: Prof. Dr. Jochen Althoff, Jun.-Prof. Dr. Claudia Lauer

Projekt:

Die Verwundbarkeit des Körpers bildet einen grundlegenden Teil anthropologischer Erfahrung. Dies gilt insbesondere auch für die griechisch-römische Antike, eine Epoche, in der das Phänomen der Wunde, etwa als Resultat kriegerischer Gewalteinwirkung, nicht nur einen Teil der Alltagswirklichkeit darstellte, sondern eine breite textliche wie bildliche Rezeption erfuhr. Im Bereich der Literatur partizipieren dabei so unterschiedliche Gattungen wie einerseits die medizinische Fachschriftstellerei mit ihrem Bestreben nach einer Systematisierung und Methodisierung des Wundwissens und andererseits Epos und Drama in ihrer, wenn auch nicht ausschließlichen, ästhetischen Problematisierung körperlicher Wunden an einem antiken Versehrtheitsdiskurs. Ausgehend von dieser Multiperspektivität griechisch-lateinischer Texte auf das Phänomen der Wunde fragt das Dissertationsprojekt nach Konzepten des versehrten Körpers in der antiken Literatur, wobei medizinische wie literarästhetische Lesarten der Wunde gleichermaßen Eingang in die Betrachtung finden.

Durch die Erforschung des Phänomens der Wunde, pars pro toto des versehrten Körpers, soll ein vertieftes Verständnis über diachrone Vorstellungen von Defektivität, Heilung und Normalität des menschlichen Körpers sowie die lexikalischen und semantischen Dimensionen von ‚Wunde‘ im Griechischen und Lateinischen gewonnen werden (d.h. dominante Begriffe der Versehrtheit und ihre Wirkungsbereiche: physisch/psychisch, göttlich/menschlich/tierisch/unbelebt). Darüber hinaus werden insbesondere die Übergänge zwischen medizinischen, religiösen, philosophischen und literarästhetischen Bedeutungen von Versehrtheit und Versehrbarkeit in der kulturellen Praxis der Antike beleuchtet. Die Arbeit fokussiert dabei nicht nur eine Projektion eines medizinischen Wissensbestandes auf den Bereich der fiktionalen Texte, sondern fragt ebenfalls nach spezifisch literarischen Artikulationsmodi der Defektivität sowie den ästhetischen Grenzen ihrer Darstellbarkeit.

Dem liminalen Charakter der Wunde als medizinisch-literarästhetisches Phänomen soll durch ein Corpus Rechnung getragen werden, das sowohl medizinische Schriften (Corpus Hippocraticum, Galen, Celsus, Rufus) als auch paradigmatische epische und dramatische Texte umschließt. Bei letzteren soll der Fokus schwerpunktmäßig auf das kosmogonische und generative Moment der Wunde (z.B. Hesiod, Theogonie; Lukrez, De rerum natura; Vergil, Georgica; Ovid, Metamorphosen), chirurgische Szenen der (kriegerischen) Verwundung und Wundheilung (z.B. Homer, Ilias; Vergil, Aeneis), auf das Spannungsfeld zwischen Versehrtheit und Heroizität im Lichte von Figuren wie Philoktet, Telephos oder Marsyas sowie Möglichkeiten einer Lektüre des Traumas (attische Tragödie; Lucan, Bellum civile) gerichtet werden.