Dr. Alexa Rickert

Anschrift:

Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Graduiertenkolleg 1876
Hegelstr. 59
55122 Mainz

Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Institut für Ägyptologie und Koptologie
Schlaunstraße 2
48143 Münster

E-Mail: alexa.rickert@uni-muenster.de

Projekttitel: "Menschenhaar - Götterhaar: Studien zum Körperkonzept in der altägyptischen Religion"

Projekt:

Schon eine beliebige Zusammenstellung von Bildzeugnissen aus dem Alten Ägypten, die menschliche Köpfe zeigt, lässt den Betrachter die Bedeutung erahnen, die das Haupthaar in dieser Kultur spielte. Anhand der Haartracht kann oftmals auf die Entstehungszeit einer Darstellung, auf den sozialen Status, das Geschlecht, das Alter der gezeigten Person oder auf die Situation, in der sich diese befindet, geschlossen werden.

Eine Eigentümlichkeit der ägyptischen Kultur besteht darin, dass schon in der frühesten Phase ihrer Geschichte, um 3000 v. Chr., die Verwendung von Perücken belegt ist. Schon zu diesem sehr frühen Zeitpunkt ist also die kulturell bedingte Umformung eines natürlichen Körperbestandteils zu beobachten. Die eigene Kopfbehaarung wurde durch ein handwerkliches Konstrukt ersetzt – aus hygienischen Gründen, aber zunehmend auch um einer bestimmten Form willen und zum Ausdruck eines bestimmten Status. Das Haar im Alten Ägypten als Forschungsgegenstand verspricht also Erkenntnisse zur menschlichen Identität, zur Selbst- und Fremdwahrnehmung und zur Bewertung der eigenen natürlichen Beschaffenheit.

Vom menschlichen Haar ausgehend eröffnen sich Perspektiven auf verschiedene Lebensbereiche, in denen dieses mehr oder weniger bedeutsam ist. So könnte beispielsweise die Rolle des Haares als Kennzeichnung von Angehörigen bestimmter Berufe oder auch als Merkmal der Zugehörigkeit zur Hofgesellschaft untersucht werden. Das menschliche Haar war aber auch Gegenstand kosmetischer, medizinischer und magischer Praktiken und lässt sich im gesamtgesellschaftlichen Vergleich als alters- und geschlechtsspezifischer Marker analysieren.

Besonderes Potenzial weist der Bereich der Religion, also des Toten- und Götterkultes, auf, was vor allem durch die Tatsache begründet ist, dass es sich dabei um einen zentralen Bestandteil der altägyptischen Kultur handelt, der auf viele andere Lebensbereiche ausstrahlte. Die Tatsache, dass auch die Götter Haare besaßen, macht deutlich, dass dieses Körpermerkmal eine Art Schnittstelle zwischen menschlicher und göttlicher Welt war. Das Bild vom Haar der Götter, das die Quellen widerspiegeln, erlaubt also Schlussfolgerungen zur Bedeutung, die der Ägypter dem eigenen Kopfhaar beimaß.

Die geplante Studie widmet sich Rolle und Funktion, die dem Haar in den religiösen Kontexten des Alten Ägypten zugeschrieben wurden, wobei explizit der Gegensatz zwischen menschlichem und göttlichem Haar in den Fokus gerückt wird. Die hauptsächliche Grundlage der Arbeit bilden religiöse Texte aus der gesamten altägyptischen Geschichte (v.a. Pyramiden- und Sargtexte, das Totenbuch sowie die Tempeltexte der griechisch-römischen Zeit, Papyri mythologischen Inhalts), aber auch Quellen, die auf bestimmte Vorschriften für die Haartracht des Kultpersonals hindeuten. Das Projekt nähert sich dem Thema Haar zunächst unter lexikographischen Gesichtspunkten, analysiert dann die Schriftquellen aber auch vor dem Hintergrund bildlicher Darstellungen (v.a. Reliefs auf Grab- und Tempelwänden, Statuen) und Zeugnissen der materiellen Kultur (z.B. Haarreste und Perücken). Anhand dieser Quellen können Informationen zur kultischen Bedeutung des Haares aus der Zeitspanne über fast 3000 Jahre hinweg gesammelt werden. Ziel der Untersuchung ist es einerseits, die Rolle und Funktion eines natürlichen Körperbestandteils in der Praxis ritueller Handlungen zu beschreiben und zu deuten, andererseits aber auch, seine Überhöhung auf theologisch-mythologischer Ebene nachzuvollziehen.

Integraler Bestandteil der Arbeit wird auch eine Untersuchung der Rolle des Haares in den religiösen Kontexten innerhalb der Nachbarkulturen Ägyptens sein. Dies wird eine Einschätzung dazu erlauben, ob das den Quellen entnommene Körperkonzept ein für die ägyptische Kultur spezifisches ist, oder ob sich darin Aspekte wiederfinden, die sich für die antiken Kulturen des Mittelmeerraumes generell feststellen lassen.

Grundsätzlich lehnt sich die Studie an eine relativ rezenten Entwicklung in der Soziologie und den Kulturwissenschaften an, die manchmal als „body turn“ oder „somatic turn“ bezeichnet wird und die Hinwendung zum Körper als Forschungsgegenstand impliziert. Aber auch Ritualtheorie und Ritualforschung bieten Anknüpfungspunkte, da es hier um körperliche Praktiken geht, die sich in nicht geringem Maße auf die physische Beschaffenheit der Beteiligten auswirken.