Dr. Ulrike Steinert

Anschrift:
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Graduiertenkolleg 1876
Hegelstr. 59
55122 Mainz

E-Mail: usteiner@uni-mainz.de

Projekttitel: "Körper – Krankheit – Heilung: Eine Studie zur Interaktion zwischen medizinischen Konzepten und Praktiken in Mesopotamien im 2. und 1. Jt. v. Chr."

Projekt:

Sowohl historische als auch medizinanthropologische Studien zeigen, daß Heilsysteme in Gegenwart und Vergangenheit durch enge Verflechtungen zwischen Körpervorstellungen, Krankheitskonzepten und therapeutischen Praktiken gekennzeichnet sind. Beispielsweise wurden in verschiedenen Medizintraditionen von Griechenland bis China „Korrespondenzsysteme“ entwickelt, die auf Mikrokosmos–Makrokosmos-Homologien zwischen Körper und Umwelt beruhen. Im Zentrum dieser Systeme steht die Idee, daß Gesundheit und Wohlbefinden durch ein Gleichgewicht von Körpersäften oder Elementen/Wirkkräften im Körper hergestellt wird. Krankheit wird in diesen Systemen als ein Ungleichgewicht von Körpersäften oder Kräften/Elementen betrachtet, und therapeutische Interventionen und Heilungsprozesse zielen primär auf die Wiederherstellung des inneren Gleichgewichts. Maßgeblich für diese medizinischen Lehren ist zudem, daß die therapeutischen Praktiken und das Wissen um materia medica und ihre Wirkungsweisen in das jeweilige System von Korrespondenzen eingebettet sind. Das heißt, den Heilsubstanzen werden beispielsweise Eigenschaften zugewiesen, die mit kosmischen oder körperlichen Elementen korrespondieren (z.B. warm/kalt, feucht/trocken) und sie dadurch für die Behandlung bestimmter Erkrankungen und Störungen prädestinieren.
Aus der mesopotamischen Medizin ist kein vergleichbares Korrespondenzsystem wie beispielsweise die Vier-Säfte-Lehre Galens bekannt. Dennoch finden sich in mesopotamischen Texten des 1. Jt. v. Chr. Hinweise dafür, daß die babylonischen Heilkundigen zu ähnlichen Systematisierungen gelangten und beispielsweise Krankheiten, Symptome, Körperteile in einem astro-medizinischen Korrespondenzsystem mit dem Einfluß bestimmter Sternkonstellationen und mit Gruppen bestimmter materia medica assoziierten.
Das angestrebte Forschungsvorhaben setzt an diesem Punkt an, indem es die Interdependenzen zwischen Körperkonzepten, Krankheitsvorstellungen und therapeutischen Praktiken in medizinischen Keilschrifttexten des 2. und 1. Jt. v. Chr. genauer in den Blick nimmt. Im Hauptfokus der Untersuchung stehen Homologien bzw. Analogien zwischen Körper und Umwelt (Mikrokosmos–Makrokosmos), welche insbesondere in medizinischen Beschwörungen zum Ausdruck kommen, in denen Prozesse im gesunden und kranken Körper mit Prozessen in der Umwelt gleichgesetzt oder verglichen werden. Ziel der Untersuchung besteht in einer systematischen Erfassung von Umweltbezügen, auf deren Basis Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers in medizinischen Texten beschrieben und konzeptualisiert werden.
Ein weiterer Teil des Forschungsprojekts untersucht hingegen das in medizinischen Rezepten transportierte Wissen lokaler Heilkundiger über materia medica, ihre Zubereitung, Anwendung und Wirkungsweisen, und geht den Wechselbeziehungen zwischen medizinisch-therapeutischen Praktiken und Körper- und Krankheitskonzepten nach.
Folgende Fragen stehen im Mittelpunkt der Analyse:

- Welche Rolle spielen Umwelteinflüsse (d.h. „natürliche“ Ursachen wie Jahreszeiten, Klima, Nahrung) in den mesopotamischen Krankheitsätiologien, insbesondere gegenüber numinosen Krankheitsverursachern wie Göttern, Dämonen, Geistern oder Hexerei, die bislang im Mittelpunkt der Forschung standen?
- Auf Basis welcher Analogien und Metaphern konzeptualisiert die mesopotamische Medizin normale und krankhafte Prozesse im menschlichen Körper? Lassen sich Hinweise für eine Idee des körperlichen Gleichgewichts finden?
- Welche Zusammenhänge zwischen dem Wissen über Anatomie/Physiologie, Pathologie/Nosologie und dem Wissen über Therapien und Heilsubstanzen lassen sich ermitteln?
- Welche Möglichkeiten ergeben sich aus diesem Forschungsansatz für die Erschließung antiker medizinischer Rezepte und ihrer Indikationen jenseits der problematischen Methode der retrospektiven Diagnose?