Simone Gerhards, M.A.

Anschrift:
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Graduiertenkolleg 1876
Hegelstr. 59
55122 Mainz

E-Mail: gerhards@uni-mainz.de

Projekttitel: Konzepte von Müdigkeit, Schlaf und Erwachen im alten Ägypten.

Betreuerinnen: Prof. Dr. Ursula Verhoeven-van Elsbergen, Prof. Dr. Doris Prechel

Dissertationsvorhaben:

Schlaf ist einerseits ein intimer und verletzlicher, andererseits auch banaler und unbewusster Zustand des Lebens, dem sich weder Mensch noch Tier entziehen kann. Durch seine gewöhnliche biologisch bedingte, gleichförmige Wiederkehr scheint der Kreislauf aus Müdigkeit, Schlaf und Erwachen auf den ersten Blick trivial und Forschungen darüber überflüssig – doch auf den zweiten Blick erschließt sich ein äußerst spannendes Forschungsfeld. Erkenntnisse über den Schlaf spiegeln viele spezifische Verhaltensweisen, Emotionen, Assoziationen oder auch Ängste von einzelnen Individuen und Gesellschaften wider. Genau diese Merkmale gilt es, in einer Untersuchung zur Schlafkultur herauszuarbeiten. Dadurch lassen sich mögliche menschliche Universalien, kulturelle Spezifitäten und mitunter sogar Tradierungen aufdecken. Schon ein kurzer kulturübergreifender Blick auf den Themenkomplex zeigt vielfältige Adaptionen in Bereichen wie Religion (bspw. Ähnlichkeit von totem und schlafendem Körper, „Wiederauferstehung“) und Literatur (Schlaf als Element um Schutzlosigkeit zu evozieren; vgl. das Motiv „Schlaf“ im Horrorfilmgenre).

Schlaf im alten Ägypten

Das Dissertationsvorhaben strebt an, die mehrschichtigen Vorstellungen der alten Ägypter über Müdigkeit, Schlaf und Erwachen zu untersuchen und die dahinter stehenden Konzepte zu eruieren sowie mit anderen Kulturen zu vergleichen. Die heranzuziehenden ägyptischen Quellen lassen sich in drei Kategorien aufteilen: archäologische Hinterlassenschaften wie Betten, Kopfstützen und Schlafstätten und deren Darstellungen; flachbildliche und rundplastische Darstellungen von müden oder schlafenden Menschen, Tieren und Göttern/Dämonen sowie schriftliche Quellen. Um möglichst viele Quellen berücksichtigen zu können, ist ein Untersuchungszeitraum vom Alten Reich bis zum Beginn der römischen Zeit (ca. 2800 v. Chr. bis 30 v. Chr.) angedacht.

Leitfragen sind:

- Wie erklärten die alten Ägypter selbst Müdigkeit, Schlaf und Erwachen sowie deren Kreislauf?

- Welche mikro- (z. B. Schlafplatz) und makroökologischen (z. B. Tagesrhythmus) Faktoren beeinflussten Müdigkeit, Schlaf und Erwachen?

- Mit welchen Worten wurden Müdigkeit, Schlaf und Erwachen ausgedrückt, wie unterscheiden sich diese und gibt es textartenbedingte oder kontextuelle Disparitäten?

- Mit welchen körperlichen und geistigen Aspekten wurden Müdigkeit, Schlaf und Erwachen assoziiert?

- Welche Empfindungen, Bedeutungen und Ängste verbanden die Ägypter mit Müdigkeit, Schlaf und Erwachen?

- Wie wurden Müdigkeit, Schlaf und Erwachen im Kontext von Heilkunde/Magie erwähnt und perspektiviert?

- Welche Aspekte von Müdigkeit, Schlaf und Erwachen wurden mit Gottheiten, Dämonen und Verstorbenen in Verbindung gebracht?

- Wie beeinflussten Gottheiten, Dämonen und Verstorbene das Schlafverhalten (z. B. im Traum)?

- Unterschied sich der göttliche und menschliche Zyklus aus Müdigkeit, Schlaf und Erwachen?

- Wie wurden Müdigkeit, Schlaf und Erwachen metaphorisch ausgedeutet (sowohl Quell- als auch Zieldomäne), wie hat sich dies entwickelt und welche Funktionen liegen zugrunde?

 

Um den unterschiedlichen Fragestellungen sowie der heterogenen Quellenlage Rechnung zu tragen, wird methodisch eine multimodale Herangehensweise verfolgt: Dabei kommen u. a. kultursemiotische Überlegungen, die konzeptuelle Metapherntheorie, die Prototypensemantik sowie Aspekte der Wortfeldanalyse zum Einsatz.